- Erschienen im April 2003
Kurztext:
Ein besonders wirksames Instrument der Massenbeeinflussung stellte im
Dritten Reich der Film dar. Dementsprechend nahmen die Kinos eine Schlüsselstellung
im NS-Propagandakonzept ein. Zu "Lichtspieltheatern" aufgewertet,
wurden sie zu nationalsozialistischen Kultorten umfunktioniert. In Ortschaften
ohne eigenes Kino übernahmen die Gaufilmstellen der NSDAP diese Funktion.
Mit Hunderten mobiler Wanderkinos wurde das ganze Reich gerade auch außerhalb
der Großstädte flächendeckend mit Propagandafilmen bespielt.
Kino und Film sollten in einem zentral gelenkten Propagandaapparat gleichgeschaltet
werden. Bernd Kleinhans geht dieser vernachlässigten Geschichte des
Kinos nach und zeigt, wie auch vordergründig unpolitische Filme für
die NS-Propaganda eingesetzt wurden. Er gibt einen Überblick Über
die NS-Film- und Kinopolitik und liefert einen fundierten Beitrag zur
Mediengeschichte des Dritten Reichs.
Rezension:
Rezensiert von Stefan Mannes
Ein besonders wirksames Instrument der Massenbeeinflussung im Dritten
Reich war der Film. Als modernstes Massenmedium der Zeit sprach das Kino
vor allem die Emotionen der Menschen an. Weit mehr als Presse oder Rundfunk
wurde er so zum idealen Mittel, Feindbilder zu erzeugen, Bewunderung und
Verehrung für das Regime und seinen Führer Hitler zu erwecken. Auf
Betreiben des Propagandaministers Joseph Goebbels begann bereits unmittelbar
nach der Machtübernahme der Zugriff auf die Filmwirtschaft. Das betraf
zunächst die Filmproduktion: Eine strenge Zensur sorgte dafür,
dass nur noch vom Regime akzeptierte Filme zur Vorführung kamen.
Alle Filmschaffenden mussten überdies Mitglied in der neu geschaffenen
"Reichsfilmkammer" werden. Wer politisch nicht genehm war, ob
als Schauspieler, Drehbuchautor oder Kameramann, wurde ausgeschlossen
und erhielt Berufsverbot.
In seinem Buch zeigt der Historiker Bernd Kleinhans, dass der Machtanspruch
sich nicht auf eine regimekonforme Filmproduktion beschränkte: Das
gesamte System der mehr als 5000 Lichtspieltheater im Reich sollte zu
einem einheitlichen und zentral gelenkten Propagandaapparat gleichgeschaltet
werden. Man wusste im Propagandaministerium nur zu gut, dass die Wirksamkeit
eines politischen Films nicht nur von Drehbuch und Inszenierung, sondern
ebenso von der Präsentation vor Ort abhing. Nur wenn die Kinobetreiber
einen Film zu einem lokalen Ereignis machten, konnte er die gewünschten
Effekte entfalten. Die Kinos waren nach NS-Verständnis eben nicht bloße
Abspielstätten, sondern Zentren der nationalsozialistischen Volkskultur.
Das galt gerade für die Provinz. Fernab von den Metropolen sollten die
Kinos etwas vom "schönen Schein" des Dritten Reiches vermitteln,
nicht zuletzt mit Filmberichten über Parteitage, Kundgebungen und natürlich
mit Filmbildern des Führers. "Der Kinosaal", so Kleinhans,
"wurde zum Ort der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft, wo
der Führer durch seine übergroße Leinwandchimäre das Volk beherrschte."
Dabei widerlegt Kleinhans das verbreitete Klischee vom Kino der 30er und
40er Jahre als einer rein großstädtischen Angelegenheit: Vielfach
übertrafen kleine Provinzstädte in punkto Kinodichte und Besuchshäufigkeit
sogar die Metropolen wie Berlin in Hamburg. So hatte Berlin beispielsweise
zwar eine hohe Kinoversorgung von 46 Kinoplätzen pro 1000 Einwohner,
wurde darin aber sogar von kleinen Städten wie Husum oder Kempten
überboten. Selbst das flache Land ohne eigene Kinos wurde mit Filmen versorgt.
Hier übernahmen mobile Filmtrupps der Parteifilmstellen diese Aufgabe.
Mehr als 800 Tonfilmwagen - komplett ausgestattete rollende Kinos - sorgten
dafür, dass auch in den abgelegenen Regionen Thüringens oder
des bayerischen Waldes wenigstens monatlich ein Film zu sehen war. Entsprechend
umfassend war der Zugriff auf die Kinobetreiber. Wie die Filmschaffenden
mussten auch die Kinobetreiber in der Reichsfilmkammer Mitglied werden
und ihnen drohte bei nicht parteikonformem Verhalten ebenso rasch Berufsverbot
wie den Filmproduzenten. Bei den Kinobetreibern ging man sogar noch einen
Schritt weiter: Die NSDAP bestellte in den Gauen eigene Filmstellenleiter,
die als regionale Beauftragte der Reichsfilmkammer praktisch den Kinos
vor Ort vorgesetzt waren.
Eine Flut von immer neuen Regelungen schränkte die Kinos zunehmend
ein. So gab es detaillierte Vorschriften, wie hoch die Preise sein durften,
an welchen Orten neue Kinos zugelassen werden konnten, wie Filme beworben
und teilweise sogar, welche Filme abgenommen werden mussten. Zu Sonderveranstaltungen
wie Schulfilmstunden und Filmvolkstagen waren die Kinobetreiber sogar
gezwungen, ihre Theater kostenlos zur Verfügung zu stellen. Wehren
konnten sich die Kinobetreiber kaum: Anordnungen der Filmkammer hatten
Verordnungs- teilweise sogar Gesetzescharakter. Überwacht wurde die
Einhaltung der Anweisung daher nicht nur von der Kammer und der Partei,
sondern auch von der örtlichen Polizei. Viele Filmvorführungen, insbesondere
der sogenannten "staatspolitisch wertvollen" Filmen, wurden
zu diesem Zweck als regelrechte Kultfeiern durchgeführt: Tage zuvor wurde
in Zeitungsberichten die Bevölkerung auf das bevorstehende Ereignis
eingestimmt. Am Tage des eigentlichen Kinoereignisse wurden die Theater
meist schon an der Außenfront mit riesigen Hakenkreuzfahnen geschmückt,
die Innenräume waren ebenfalls mit NS-Flaggen und Grünschmuck ausgestattet.
Vor der eigentlichen Filmvorführung spielte das Orchester irgendeiner
lokalen NS-Formation und dann sprach ein hoher Funktionär - meist
der Kreis- oder Ortsgruppenleiter zur Einfüührung. Und nach der Filmvorführung
wurde das Publikum erst nach Absingen gemeinsamer Lieder entlassen. Auch
für solche Kultfeiern gab es eigene Richtlinien und Vorschriften der Reichsfilmkammer.
Ein besonders düsteres Kapitel der NS-Kinopolitik im Dritten Reich
behandelt Kleinhans auch: Die Verfolgung und Vertreibung jüdischer
Kinobetreiber: Obgleich vermutlich nicht einmal 2% aller Kinos in Deutschland
von Juden betrieben wurden, waren sie nach 1933 den Repressionen der neuen
Machthabern besonders ausgesetzt. Gerade in der Provinz waren die kleineren
Kinobetreiber oft besonders dem Terror der lokalen Machthaber ausgesetzt,
waren sie vor Ort doch die einzig greifbaren Vertreter der angeblich von
Juden beherrschten Filmwirtschaft. Auch die Kinos waren bereits 1933 in
die Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte einbezogen. Nach
und nach wurden Juden zur Aufgabe ihrer Lichtspieltheater gezwungen. Am
Ende gab es sogar ein Verbot für Juden, Kinos zu besuchen. Die umfassende
Studie wird vervollständigt durch die Analyse einiger Filmbeispiele.
Am Beispiel Leni Riefenstahls Parteitagsfilm "Triumph des Willens"
zeigt der Autor, wie das Kino auch die Funktion hatte, die Provinz an
die Machtzentrale anzubinden: Durch ständige optische Präsentation
des "Führers" im ganzen Reich, konnte die Gefolgschaft
des Hitlerstaates auch in den Regionen gesichert werden, in denen er persönlich
nie auftrat.
Weitere Analysen beschäftigen sich mit der Wochenschau, antisemitischer
Filmpropaganda. Am Beispiel der Heinz-Rühmann-Komödien zeigt
Kleinhans, wie die Strategie einer verdeckten Propaganda in scheinbar
unpolitischen Filmen funktionierte. Typische Probleme des NS-Staates -
Machtlosigkeit des Einzelnen oder der Wunsch aus Zwang und Befehl auszubrechen
- werden hier aufgegriffen und in ein unpolitisches Milieu der Ökonomie
oder des Privaten übetragen. Nahezu alle Rühmann-Komödien, so
Kleinhans, zeigen eine ähnliche Struktur: Ein aufbegehrendes Individuum
gliedert sich am Ende wieder freiwillig in eine größere Gemeinschaft
an, die in diesen Filmen immer für die Volksgemeinschaft steht. Kleinhans
beleuchtet mit "Ein Volk, ein Reich, ein Kino" nicht nur bisher
wenig berücksichtigte Aspekt der Kinogeschichte im Dritten Reich.
Es ist zugleich ein hervorragender Überblick über die Film- und Kinopolitik
der braunen Machthaber. Ausgewiesenen Filmhistorikern wird dieser Band
ebenso nützlich sein wie allen Interessierten, die sich einen Überblick
über das wichtigste Propagandainstrument des NS-Staates verschaffen wollen.
Trotz ausführlicher und genauer Quellenbelege ist das Buch spannend
zu lesen: Sehr empfehlenswert
Autor: Stefan Mannes auf der Internet-Seite von SHOA.DE
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