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Walter Grab EUR 10,00 [D], EUR 10,30 [A] |
Rezensionen Kurztext: Walter Grab hat als Historiker Neuland erschlossen. Mit seinen Forschungen über die deutschen Jakobiner hat er in der internationalen Fachwelt für Aufsehen gesorgt. Doch sein Name ist ebenso einem breiten Publikum ein Begriff. Zahlreiche Leser kennen seine Bücher über die Französische Revolution und ihre Impulse für die deutschsprachigen Länder, über Georg Büchner oder Heinrich Heine, demokratische Bewegungen im deutschen Vormärz oder die Revolution von 1848 in Deutschland. Jenen Menschen Namen und Gesicht zurückzugeben, die von der in der deutschen Geschichte immer wieder siegreichen Reaktion geschmäht und verfolgt wurden, sich trotzdem nicht gebeugt haben und dafür von Geschichtsschreibung und Literaturwissenschaft erneut ausgegrenzt und zum Vergessen verurteilt wurden, das war das Leitmotiv der wissenschaftlichen Arbeit Walter Grabs. Walter Grab wurde 1919 in Wien geboren. Er entstammt einer bildungsbürgerlichen jüdischen Familie, die tief in der deutschsprachigen Kultur und den Werten der europäischen Aufklärung verwurzelt war. Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht 1938 gelang ihm die Flucht nach Palästina. Seine eigene Geschichte umfaßt ein bewegtes, politisch und wissenschaftlich reiches Leben in Österreich, Israel und der Bundesrepublik Deutschland, in dem sein phänomenales Gedächtnis eine ganz entscheidende Rolle spielte. Die wichtigsten Stationen auf diesem Weg heißen: I) Kindheit und Jugend in Wien, II) Handwerker und Kaufmann in Tel Aviv, III) Student und Akademiker in Israel und Deutschland, IV) Fahrender Scholast aus dem Morgenland in Europa und Übersee. Stets ist dieser Bericht über einen ungewöhnlichen Lebensweg und den Werdegang eines bedeutenden Wissenschaftlers, radikalen Demokraten und Sozialisten bezogen auf den politischen Hintergrund, vor dem er spielt. Das macht ihn zugleich auch zu einer spannenden, über ein Einzelschicksal hinausweisenden zeitgeschichtlichen Lektüre. Eine Auswahl seiner Bücher: "Noch ist Deutschland nicht verloren" (1970); "Eroberung oder Befreiung" (1974); "Die Revolution von 1848" (1980); "Radikale Lebensläufe" (1980); "Ein Volk muß seine Freiheit selbst erobern" (1984); "Georg Büchner und die Revolution von 1848" (1985); "Dr. Wilhelm Schulz aus Darmstadt" (1987); "Die Französische Revolution" (1989); "Der deutsche Weg der Judenemanzipation" (1991); "Heinrich Heine als politischer Dichter" Rezensionen: Walter Grab erinnert sich an seine "vier Leben". Als Ende 1993 dem Wiener Bürgermeister Helmut Zilk bei der Explosion einer Briefbombe die linke Hand zerfetzt wurde, fragten sich viele nach den Motiven der Attentäter. Eine mögliche Antwort gibt der Historiker Walter Grab, Tel Aviv, in seinem autobiographischen Bericht Meine vier Leben: Zilk hatte bei der Eröffnung des Jüdischen Museums die Wiener Juden um Verzeihung gebeten. Nämlich dafür, daß die Wiener nicht nach dem Krieg, was sie ja hätten tun können, die Überlebenden zur Rückkehr aufgefordert hätten. Für diese ganz und gar ungewöhnliche Bitte, so Grab, mußte er büßen. In mancher Hinsicht ist es Walter Grabs unerfüllter Lebenstraum geblieben, gleichberechtigt in seiner Geburtsstadt Wien wirken zu dürfen. Sein Buch gründet darauf, daß er es nicht durfte. Der Bericht gliedert sich in vier Abschnitte: "Kindheit und Jugend in Wien" (1919 bis 1938), "Handwerker und Kaufmann in Tel Aviv" (1938 bis 1958), "Akademiker in Israel und Deutschland" (1958 bis 1984) und schließlich "Fahrender Scholast aus dem Morgenlande" (1984 bis 1995). Dies letztere eine Überschrift, in der sich Ironie und tiefere Bedeutung mischen. Als intimer Kenner der deutschen Literatur des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts ist Walter Grab bis in feinste Verästelungen vertraut mit dem Werk Heinrich Heines und dessen Arabesken und morgenländischen Assoziationen, und natürlich ebenso mit dem Aufklärer Lessing und dessen Nathan. So spürt er denn auch doppelt die geschichtliche Ironie, die darin liegt, daß er, ein von den Nazis ins Morgenland vertriebener Wiener Bürgersohn, im Europakolleg zu Hamburg den durchweg zwanzig Jahre jüngeren hanseatischen Bürgersöhnen ausgerechnet Heine erklären muß. Zumal das "Wintermärchen", das doch explizit von einer Hamburgreise erzählt und in dem die hanseatische Göttin Hammonia aus den Miasmen ihres Nachttopfs die schaurige Zukunft Deutschlands weissagt. Bedenkt man es genauer, hat sogar Grabs wissenschaftliche Spezialisierung einen Aspekt tiefer Ironie – von seinen vielfältigen Forschungen zur Geschichte der deutschen Demokratie über diejenigen zur Geschichte der Jakobiner und dem Aufbau des "Instituts für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv" und seinen zahlreichen Symposien und Monographien: Warum hatten nicht längst die Deutschen selbst die Wurzeln ihrer Demokratie ergründet? Mußte erst ein Weiser aus dem Morgenlande kommen, um sie ihnen auszugraben? Das Wirken des engagierten Historikers fiel mit dem geistigen Aufbruch der 68er Bewegung zusammen. So stießen seine Schriften auf besonderes Interesse, zumal er auch fürs allgemeine Publikum publizierte. Noch ist Deutschland nicht verloren. Eine historisch-politische Analyse unterdrückter Lyrik von der Französischen Revolution bis zur Reichsgründung ist ein Werk, das interdisziplinäres Neuland betrat, indem es lyrische Texte aus den geschichtlichen Umständen und umgekehrt Historie aus der Zeitzeugenschaft politischer Lyrik erklärte. Damit brachte Grab die gesamte konservative Germanistik gegen sich auf und entfesselte eine Debattenflut, die um den Erdball schwappte. Auf bemerkenswerte Weise engagierte er sich auch bei der Planung und Durchführung der großen Preußen-Ausstellung von 1981 im Berliner Walter-Gropius-Bau: Als Mitglied des internationalen wissenschaftlichen Beirats teilte Grab nicht die Meinung der Mehrheit, Friedrich II sei ein "Philosoph auf dem Königsthron" gewesen. Auch empfand er Exponate wie Dreispitz, Reitstiefel und Schnupftabaksdosen nicht unbedingt als Beleg für Aufklärung. Vielmehr vermißte er den Brief des Aufklärers Lessing an dessen Freund Nicolai vom 25. August 1769, worin es zum Thema Meinungsfreiheit heißt: "Sagen Sie mir von Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben ja nichts (...) Lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es itzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht: und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste von Europa ist." Diese Korrektur am offiziellen Preußenbild paßte den Ausstellungsmachern gar nicht. Mit Hinweis darauf, daß so ein Brief "Flachware" sei und also zum Zwecke dreidimensionalen Ausstellens ungeeignet, schmetterten sie das aufklärerische Ansinnen ab. Das Stichwort dreidimensional' brachte indes den Beirat aus dem Morgenlande sogleich auf eine neue Idee: warum nicht einen der zwanzig monströsen, lebensgroßen Porzellanaffen der Königlichen Porzellanmanufaktur zu Berlin ausstellen, die der Philosoph Moses Mendelssohn als Preis für seine Verheiratung in Kauf nehmen mußte - eine besonders beleidigende Form zusätzlicher Besteuerung? In Hamburg fand Grab ein gut erhaltenes Affen-Exemplar. Man war sogar bereit, der Preußen-Ausstellung das häßliche Prunkstück leihweise zu überlassen. Doch auf der nächsten Beiratssitzung hieß es: "Damit werden wir unsere schöne Ausstellung nicht verschandeln. Aber (...) wir haben im Hohenzollernmuseum des Johanniterordens einen wunderschönen Affen gefunden, von der sächsischen Porzellanmanufaktur in Meißen. Dieses Kunstwerk werden wir ausstellen und (...) darauf hinweisen, daß Moses Mendelssohn 1762 bei seiner Eheschließung zwanzig Porzellanaffen erwerben mußte." So wird unter unseren Augen offiziell Geschichte gefälscht – auch heute noch. Grab versteht es, bestimmte Begebenheiten sentenzartig
zuzuspitzen. Die Verrücktheiten seiner Situation schildert er so:
"Ende November (1965) fand im Festsaal der Universität meine
Antrittsvorlesung vor etwa 150 Hörern statt (...) Ich hielt in meinem
schönsten Hebräisch einen Vortrag über ‘Deutsche Demokraten
in der Epoche der Französischen Revolution‘." Und beim Antrittsbesuch
in der Friedrich-Ebert-Stiftung "( ) reihte man mich in die Rubrik
Hochbegabte Spätheimkehrer ein; erst später begriff ich, daß
damit jene Wehrmachtssoldaten gemeint waren, die wegen verschiedener Verbrechen
von den Sowjets (...) verurteilt und von Konrad Adenauer 1955 nach Deutschland
zurückgeholt worden waren (...) ‘Fate makes strange bedfellows‘ um
mit Shakespeare zu sprechen." Autobiographie als Zeitgeschichte.
Ein trauriges, witziges, nachdenkliches, kurz, ein lesenswertes Buch. |
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