Globale Spiele

Werner Biermann/Arno Klönne
Kapital-Verbrechen
Zur Kriminalgeschichte des Kapitalismus
Neue Kleine Bibliothek 107, 208 Seiten
EUR 14,80; SFR 27,50
ISBN 978-3-89438-303-9

 

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Erschienen im März 2005 - zweite unveränderte Auflage im August 2005
Biermann, Werner,
Dr. phil., 1948 - 2010. Privatdozent für Soziologie an der Universität Paderborn. Bücher zu internationaler Wirtschaft und Politik
Klönne, Arno, Dr. phil.,
*1931. Emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Paderborn.
Kurztext:
»Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.« Was ein englischer Gewerkschafter des 19. Jahrhunderts auf diese plastische Weise beschrieb, durchzieht als roter Faden die Geschichte des Kapitalismus von der überseeischen Expansion Europas bis in die Gegenwart: Vom Raub der Edelmetalle Amerikas, der Freibeuterei, dem Sklavenhandel und den Zuckerplantagen in der Karibik oder der Vernichtung der Textilindustrie Indiens über die Modernisierung durch Fließbandarbeit bis zu den Machenschaften um Öl. Dieses Muster und seine Symbiose mit Gewalt, Unterdrückung und Krieg machen die Wirtschaftsgeschichte des Kapitalismus auch zu einer Kriminalgeschichte.


Rezenzion:
Frankfurter Rundschau 12.07.2005
Wirtschaftskrimi vom Feinsten - von Hermannus Pfeiffer

"Kaufleute in Genua halfen im Jahr 1101 Kreuzfahrern, den palästinensischen
Hafen Cäsarea auszuplündern. Die Schiffsinhaber erhielten dafür reiche
Beute. Was übrig blieb, teilten sich die 8000 Seeleute und Soldaten - genug,
dass jeder von ihnen zu einem kleinen Kapitalisten wurde. Die
Kriminalgeschichte des Kapitalismus beginnt mit Geschäftsmännern, die durch
Raub und Plünderung zu Geld kommen.

Das Unheil, die ursprüngliche Akkumulation, nahm seinen Lauf. Die spanischen
Conquistadoren mordeten ganze Völker aus, um Silber und später Gold aus
Mexiko und Peru zu rauben. Die geraubten Edelmetalle blieben nicht lange in
Spanien. Sie flossen in andere Länder - für den Kauf von Luxusgütern. So war
Spanien glanzvoll verarmt und restlos verschuldet bei der deutschen
Bankiersfamilie Fugger. Das neue Geld beflügelte stattdessen die frühen
kapitalistischen Zentren, wie Amsterdam, und finanzierte globale
Handelsströme zwischen England und Holland auf der einen Seite und den
technologisch fortschrittlicheren Staaten Indien und China auf der anderen.
Im Protokoll der spanischen Cortes (Ständeversammlung) findet sich 1593 die
bemerkenswerte Klage: "Unsere Königreiche sind am Ende die ärmsten, denn sie
bilden nur die Brücke, über die Gold und Silber in feindliche Reiche
gelangen." Nicht jeder Kriminalfall zahlt sich aus.

Später erwies sich die Übertragung feudaler Beziehungen auf die Kolonien als
wenig profitabel. Es begann ein flotter Dreieckshandel, der Handel mit
Menschen als Ware und der Ausbau der Zuckerproduktion in Amerika, bis dahin
ein rarer Luxus, um mit der effizienten Plantagenwirtschaft die hohen Kosten
für den portugiesischen Sklaven-Import aus Afrika zu refinanzieren.

Tod durch Kapital
Nicht viel besser erging es einen Zeitsprung danach den armen Schotten. Der
Aufschwung der englischen Textilindustrie - billigere Importe aus Indien
wurden verboten - verlangte nach Nahrung für das Heer der Arbeiter. Um
massenhaft Hammelfleisch zu produzieren, ließen schottische Clan-Chefs die
Highlands roden und die Einwohner vertreiben. 1840 hatten in der Grafschaft
Perth von 40 000 Menschen nur 15 Schäfer die Highland Clearances überlebt,
der Rest floh in neue Industriestädte, wie Glasgow, oder wanderte in die
Kolonien aus.

Finstere Geschichten bis zur Bush-Ära, haben die Soziologen Werner Biermann
und Arno Klönne für ihren aufregenden Wirtschaftskrimi "Kapital-Verbrechen"
zusammen getragen. Diese "Alltagsgeschichte des Kapitalismus" sollten nicht
zuletzt die heutigen Politiker mit Sorge lesen, denn die eigentliche
Triebkraft hinter der Kriminalgeschichte, wie sie die Autoren ausmachen,
wirke heute wie in vormoderner Zeit: "Mit entsprechendem Profit wird Kapital
kühn", zitieren sie - nein, nicht Karl Marx, durch den das Zitat weltberühmt
wurde, sondern - den englischen Schumacher Thomas Dunning, "20 Prozent, es
wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle
menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein
Verbrechen, dass es nicht riskiert." Das Buch bestätigt diese These - für
unterschiedliche Branchen, Zeiten und Länder.

Die Gefahren sind trotz demokratischer Gesellschaften nicht gebannt.
Weiterhin geht mancher Manager im Wortsinne über Leichen. Biermann und
Klönne nennen Namen und lokale Fälle. Geostrategisch - so sollte das
Meisterwerk auch gelesen werden - geht der Kampf der Industriestaaten und
Konzerne um Öl, Energieträger und um wirtschaftsstrategische Positionen
ungehindert weiter.

Der Irak-Krieg wird nicht der letzte gewesen sein, wie übrigens der
Rüstungsexport aus der rot-grünen Bundesrepublik weit kräftiger fließt als
unter der Kohl-Genscher-Regierung. Ob der reale Kapitalismus als solcher
schon ein Kriminalfall ist oder nur seine Grauzonen, bleibt auch nach der
Lektüre strittig.

Unterm Strich steht aber ein grandioses Buch, ein Muss - als
Wirtschaftshistorisches Werk, als geostrategisches Handbuch und als Krimi."
Frankfurter Rundschau 12.07.2005

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